Sexualität unter Großkatzen - Mit Leidenschaft und Biss

Man kennt es ja, kaum ist man mit den Kleinen in einem Tierpark, dauert es auch kaum mehr zehn Minuten bis man gefragt wird, was die zwei Löwen dort hinten überhaupt machen? Nun ja, mögliche Antworten könnten sein, dass sie sein Lieblingsspielzeug versteckt hat und er seinen Ärger darüber auf recht grobe Weise zum Ausdruck bringt. Man könnte auch mit Bildern arbeiten und die allseits beliebte Geschichte mit den Bienchen und Blümchen hervorkramen. Mit ein wenig Glück erkennt das Kind den fehlenden Zusammenhang zur eigentlichen Frage und hört von selbst auf weiterzubohren, da Sie es ihm ja offensichtlich nicht erzählen wollen.

Man könnte aber auch einfach sagen, dass beide dem Bedürfnis hemmungsloser Geschlechtlichkeiten erlegen sind und nebenbei zur Arterhaltung beitragen möchten. Jedoch wäre diese Antwort von einer Reihe weiterer Ungewissheiten begleitet, wie etwa der Frage nach dem Nackenbiss, den möglichen Prankenhieben und der generellen Stellung während der Paarung.

Damit man dem eigenen Nachwuchs (oder wem auch immer) nicht unkundig in die wissbegierigen Augen blicken muss, nehmen wir das Thema von vorn bis hinten mal so richtig schön durch. Und nun, da wir schon das erste blöde Wortspiel zum Thema hinter uns gebracht haben, besprechen die Vorgehensweise und das Verhalten von Großkatzen vor und während der Kopulation. Natürlich machen wir das erst, wenn die zwei dort hinten mit dem albernen Gekicher aufgehört haben.

Flehmender Löwe
Flehmender Löwe - © 2008-10-02 16:15:59 happy.apple
 

Biss zum Morgengrauen

Schlafen, Fressen, F... angenspielen - Wenn Katzen etwas tun, dann tun sie es kompromisslos. Vermenschlichte man ihr Verhalten, so sind Katzen die vierpfotigen Begründer des Hedonismus und frönen dem Müßiggang vermutlich mehr noch als es Tote können, jagen ästhetischer und zielsicherer als Assassinen und treiben sich promiskuitiver durch die Affenbrotbaumfelder als es professionelle Akteure in frei-körper-kulturellen TV-Produktionen je vermochten.

Möglicherweise ist der Grund für die von den Großmaunzen ausgehende Faszination die Konsequenz, mit der sie ihr Leben bestreiten. Und vielleicht ist das exzessive Paarungsverhalten ein Teil dessen, was wir an ihnen bewundern. Bliebe man bei der Vermenschlichung, so fände man nicht viele Geschöpfe, die ihr Fortbestehen in leidenschaftlicherer, lasziver, manchmal auch aggressiverer Form sichern.
Das hitzige Weibchen macht mit charakteristischen Rufen auf sich aufmerksam, hinterlässt Nachrichten in Form von "extra-groß gedruckten" Urin-Markierungen an auffälligen Orten und wirkt besonders anschmiegsam, reibt ihre Wange an Bäumen. Ihr Rufen bleibt nicht lange ungehört, denn schnell finden sich paarungsbereite, und allem voran überaus gewillte, Männchen. Der Plural verrät das Dilemma - es kann zu pfotengreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den männlichen Tieren kommen, die im Normalfall schnell beigelegt sind, erst recht wenn es sich bei den rivalisierenden Männchen (zum Beispiel bei Geparden- oder Löwengruppen) häufig um Brüder handelt.

Gesucht, gesehen und gef... angen. Sollte man meinen, aber es kann noch ein paar Tage dauern, bis das Weibchen wirklich paarungsbereit ist und das Katertier gewähren lässt. Während dieser Tage weicht der Kater nicht mehr von der Seite des Weibchens und man verbringt viel Zeit mit Schmusen und "Küssen", mit Köpfen aneinander reiben.
Zudem überprüft das Männchen fortwährend den sexuellen Status des Weibchens, indem es den Geruch des Urins aufnimmt. Da steht Kater nun mit offenem Mäulchen vor dem ersehnten Körperende seiner "Auserwählten", hat die Schnauze voll von Pheromonen, ist in Gedanken schon einen Sprung weiter und doch passiert nichts - zum in den Ar...m beißen. Na ja, in den Po gebissen wird hierbei nicht, denn anstatt die Geruchsinformationen der rolligen Katze über die Nase aufzunehmen, werden sie über ein zweites Geruchsorgan, das Jacobson-Organ (nach seinem Wiederentdecker Ludwig Levin Jacobson), eingefangen. Dabei heben die Tiere ihren Kopf leicht an, öffnen etwas das Maul und ziehen die Oberlippe weit zurück, strecken gegebenenfalls die Zungenspitze heraus. Die so eingeatmete Luft wird mit den Geruchsstoffen am Gaumen entlang geleitet und gelangt über den Zwischenkiefergang (Verbindungsgang zwischen Nasen- und Mundhöhle) hin zum Jacobson'schen Organ an beiden Seiten der Nasenscheidewand.

Die olfaktorische Wahrnehmung mit diesem Organ bezeichnet man auch als Flehmen und erfolgt meist als Reaktion auf bestimmte Gerüche (vielfach Harn), am häufigsten also im Kontext der Fortpflanzung und kann aus diesem Grunde eher bei Männchen beobachtet werden. Der durch das Flehmen entstehende Gesichtsausdruck entstellt selbst das majestätischste Katzentier, sodass man oftmals vom "Grimassieren" und "Grimassenschneiden" spricht. Aber dämliche Gesichtsausdrücke sind ohnehin die beharrlichen Begleiter säugetierlichen Sex'.

Ja wann geht es denn endlich los?

Wenn es nach dem Kater ginge, schon gestern. Weil es nach ihr geht, erst jetzt. Die eigentliche Paarung wird meistens durch Weibchen eingeleitet, das mit erhobenem Schwanz nervös vor dem Männchen hin und her streift, es zu animieren versucht. Dabei legt sich das Weibchen mit ausgestreckten Vorderläufen und eingeknickten Hinterbeinen nahe des Männchens auf die Bauchseite. Meist wendet sie dem Kater das kaudale (cauda = lat. "Schwanz") Körperende zu und nimmt die lordosische (lordos = gr. "vorwärts durchgekrümmt") Körperhaltung ein, die das Durchbiegen der Lendenwirbel beschreibt.

Bitte besucht die Katzengalerie, denn sonst erkläre ich mir einen Knoten in den Schwanz und am Ende wüsstet ihr noch immer nicht, wie das Weibchen nun darnieder liegt und in aller Ungeduld der Katerlichkeiten harrt. Erst durch die Lordosis wird die Vulva für das Männchen zugänglich, sodass bei einer nicht voll lordosischen Körperhaltung die Paarung nicht vollzogen werden kann.

Eigentlich wäre es nun an der Zeit das Weibchen warten zu lassen, um ihre vorherigen Quälereien zu vergelten. Aber Männchen sind Männchen - selbst wenn man sich noch so sehr vornähme es der "Alten" beim nächsten Mal so richtig zu zeigen, kann man gleichsam nicht umhin, es der "Alten" zu zeigen. Das Männchen übersteigt daraufhin das Weibchen, senkt das Becken herab und beginnt leichte Stoßbewegungen um die Geschlechtsöffnung des Weibchens zu finden.

Löwen bei der Paarung
Löwen bei der Paarung - © 2012-08-15 14:34:33 Jay Aremac
 

Während dieser Suchphase ist es durchaus möglich, dass das Männchen den Nackenbiss ansetzt und die Katze zur Geduld mahnt, da der Moment der Erforschung bei unerfahrenen Männchen länger dauern und vom Weibchen abgebrochen werden kann. Dieser Biss kann besonders bei kleineren Katzen während der gesamten Paarung vollzogen werden und ist gleichsam abhängig von all zu unruhigen Weibchen und/oder Problemen des Männchens beim Eindringen, ausgelöst durch den Weg versperrenden Schwanz des Weibchens oder durch eine unzureichende Lordosis. Ja, auch das richtige Positionieren will gelernt sein und ist nicht immer eine Mitgift aus der Verheiratung mit dem Leben. Aber "etwas nicht zu können heißt nicht, es nicht trotzdem zu tun".

Nach dem Eindringen beginnt das Männchen mit den Friktionen, bekräftigt mit wiederholtem Nachdruck seine Paarungsambitionen, während zum Ende der Kopulation eindringlichere Bewegungen zu beobachten sind. Die Dauer dieser Phase ist bei kleineren Katzen oftmals kürzer als bei den Größeren. Sie hängt auch von der momentanen Kondition des Männchens ab, dem Zeitpunkt des Paarungsverlaufes.

Bei der Ejakulation stoßen zum Beispiel männliche Großkatzen ein lautes, charakteristisches Brüllen aus, was sich im Englischen mit "moaning" am Besten beschreiben lässt. In dieser Phase kann es zu vermehrten Bissen in den Nacken des Weibchens kommen. Einige Männchen erteilen ihren Weibchen sogar leichte Prankenhiebe.

Alles in Maßen.

Wird das Männchen im Moment fehlender Selbstkontrolle zu ruppig und setzt Prankenhiebe oder die Nackenbisse zu fest an, neigen Weibchen während der gesamten Paarung dazu, den aktuellen Kopulationsvorgang abzubrechen und erwidern den Zahngriff mit den Pranken und Drohgebärden.

Auch das Absteigen nach der Ejakulation selbst ist oft aggressions-geprägt. Normalerweise kennt man solche Reaktionen nur dann, wenn man nach getaner Arbeit nach Bestätigung ringt und einfach mal nachfragt, ob es für die Kleine genau so toll war wie für sich selbst. Ja, da gibt es schnell mal eine an den Kopf. In diesem Falle aber liegt die Vermutung nahe, dass der mit kleinen Widerhaken besetzte Penis des Tieres bei Bewegungen entgegen und aus der Katze die Scheidenwände reizt und zu Schmerzen führt. Ehe man sich zu Ende also der Zweisamkeit hingibt, zieht es Kater lieber vor das Weite zu suchen, bevor ihm das Weibchen "eine verpassen" kann.

Der Moment der Aggression währt nur kurz, denn sobald sich beide beruhigt haben, lassen sie sich erschöpft ins Gras plumpsen und erwarten den erneuten Ruf des Triebes, dem sie wieder und wieder folgen werden.

Lieber hochschwanger als niederträchtig.

Es gibt nur Vermutungen über die Gründe der Aggressivität der Paarungstiere. Bei den Weibchen kann ein zu fester Nackenbiss Schmerz verursachen und zu Aggressionen führen. Möglich sind ausgelöste Schmerzen durch die Widerhaken des männlichen Penis'. Oftmals kann der Grund auch in der Ungeduld der Weibchen liegen, die während der Paarung in einer submissiven Haltung verharren und in ihren Augen zu lange andauert.

Apropos Vermutungen, man nimmt an, der angesetzte Nackenbiss dient der Beruhigung des Weibchens und provoziert eine instinktmäßige Bewegungsunfähigkeit. Man glaubt, dass der Biss in den Nacken selbst bei ausgewachsenen Tieren den starreähnlichen Zustand herbeiführt, wie er bei Jungtieren auftritt, die von ihrer Mutter in den ersten Wochen im Maul transportiert werden. Das brächte in jedem Falle Vorteile während der Kopulation mit sich, bedenkt man die Form des Penis der Männchen und den daraus resultieren Schmerzen für die weiblichen Tiere bei der Paarung.

Aggressives Verhalten bei der Paarung
Aggressives Verhalten bei der Paarung - © 2007-02-17 16:29:36 Charlie Kindel
 

Alles in Allem scheinen die Aggressionen instinktiv zu sein. Aggressive Verhaltensmuster, wie Nackenbisse, Prankenhiebe und Drohgebährden, der plötzliche Angriff des Weibchens gegen Ende des Paarungsaktes könnten auch ein Indikator für einen Orgasmus sein.

Zurück zu den Widerhaken am Penis! Diese sind nicht etwa eine lustvolle Willkürlichkeit der Natur, vielmehr sollen sie die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung erhöhen. Katzen (entgegen menschlicher Weibchen) haben nur in seltenen Fällen einen spontanen Eisprung und müssen erst zur Ovulation "überredet" werden. Das hat höchstwahrscheinlich den Hintergrund, dass Katzen ausgesprochene Einzelgänger sind und riesige Territorien für sich beanspruchen. Ist nun eine Katze heiß auf Katers Eigenheiten, heißt das aber auch, dass man sich erst einmal finden muss. Ist das in offenem Geläuf noch halbwegs überschaubar, wird das Unterfangen in dichtem Walde zum Suchspiel und kann über größere Distanzen länger dauern als Katze fruchtbar wäre.

Wird die Ovulation erst zum tatsächlichen Zeitpunkt der "Begegnung" induziert, ist Katze über ein längeres Paarungs-Zeitfenster trächtig zu bekommen. Unterstützt wird diese Annahme durch die unterschiedliche Beschaffenheit der Geschlechtsorgane verschiedener Katzenarten. Haben Tigermännchen noch deutlich ausgeprägte Widerhaken, findet man bei Löwen nur wenige. Daraus könnte man Lesen, dass Löwenweibchen weniger Reize zur Ovulation benötigen, nicht zuletzt da sie ja ohnehin in Rudeln leben und immer nahe des Mähnentieres aufhalten, somit eine Verzögerung gar nicht wirklich notwendig wäre.

Großkatzen paaren sich Tag und Nacht in sehr kurzen Kopulationsintervallen von 5 - 20 Minuten in der gesamten Hochbrunst des Weibchens. In dieser Zeit haben beide nur Sex im Kopf - ans Fressen wird dann nicht gedacht! Der einzelne Paarungsakt beläuft sich dabei auf 15 - 30 Sekunden. So kann es bei den meisten Raubkatzen zu 30 - 50 Paarungen am Tag kommen.

Was hier wie ein Leben wie im Traume anhört ist tatsächlich überaus erschöpfend für beide. Durch die verminderte Nahrungsaufnahme und den Anstrengungen beim Kopulieren verlieren Katerkatzen sichtbar an Gewicht. Im Löwenfalle kann der Grad der Beanspruchung noch ein wenig ansteigen, da Löwinnen im Rudel oftmals zeitnah rollig werden und den Mähnenlöwen vor Herausforderungen stellen. Spätestens hier bekommen auch koalierende Männchen ihre Chance auf eine Naschkatze, die Tage vorher noch in ihre Schranken verwiesen wurden, denn irgendwann hat auch der potenteste Pascha genug von seinen Weibern. Letztlich bleibt es ja in der Familie.

Möglicherweise macht es nicht viel Sinn, alle Gesten und Charakteristika einer Katzenpaarung getrennt zu betrachten und nach dem jeweiligen Grund zu suchen, da vielleicht erst das Zusammenspiel aller ritualisierten Handlungen den Eisprung provoziert und eine Befruchtung überhaupt erst möglich macht.

Immerhin glaubt man schon alle Eigenheiten des Vorganges ergründet zu haben und doch hat man große Schwierigkeiten mit Nachzuchten und künstlichen Befruchtungen. Sicher ist, dass allein der mechanische Reiz beim Kopulieren nicht ausreicht um eine Katze fruchtbar zu bekommen. Ebenso wenig zeigten Versuche mit sterilisierten Löwenmännchen Erfolg, die durch realen Sexualkontakt den Eisprung der Katze auslösen sollten, um eine spätere, künstliche Befruchtung vorzunehmen.

Bevor ihr aber beim nächsten Mal auf eurer Frau herumprügelt und es mit einer erhöhten Eisprungwahrscheinlichkeit begründet, versucht es vielleicht erst einmal mit sachtem Beißen, Tatzen und Kratzen - die Reihenfolge dessen ist individuell.

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